Auf Besuch ennet dem Röstigraben

15.08.2019 - Mitteilung

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Fremdsprachen lernen ist mehr als Vokabeln pauken. Das wollten zwei Lehrerinnen aus der Deutschschweiz und der Romandie ihren Klassen mit einer gemeinsamen Projektwoche zeigen. Der Aufwand war gross, doch die Annäherung gelang.
 

Text: Andrea Söldi   Fotos: Hannes Heinzer

«Voyez, un lézard!», ruft Adrien und zeigt auf einen Ast im Blätterwald. Léo dagegen hat gleich am Wegrand ein prächtiges türkisfarbenes Tier mit orangen Flecken entdeckt: «Le caméléon est là», sagt er. Nun sieht auch Tim das reglose Reptil. «Ein Chamäleon», stellt der Sechstklässler fest. Alessia dagegen ist fasziniert von den fleischfressenden Pflanzen in der Masoala-Halle des Zürcher Zoos. Auch eine Kobra will sie hier schon gesehen haben, was ihr die anderen allerdings nicht abnehmen. Léo und Aron sind inzwischen bereits hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden. Die Gruppenleiterin hat alle Mühe, die lebendige Schar zusammenzuhalten.

Die acht Kinder stammen je zur Hälfte aus dem Schulhaus Leepünt im Zürcherischen Dällikon und aus Aigle im Kanton Waadt. Die beiden Klassen haben sich bereits vor zwei Jahren kennengelernt, als die Deutschschweizer ihr Klassenlager in der Romandie verbrachten. Damals hatten die Schülerinnen und Schüler erst drei Wochen Französisch beziehungsweise Deutsch gelernt. Seither sind sie über Briefe und Mails in Kontakt geblieben. Um die in der Schule gelernten Vokabeln praktisch anwenden zu können, haben die zwei Klassenlehrerinnen Carola Rüegg und Pascale Burnier Mitte Juni eine gemeinsame Projektwoche mit vielfältigen Aktivitäten organisiert. Die beiden Klassen verbrachten je zweieinhalb Tage in der Deutschschweiz und in der Romandie, wobei die Kinder bei Gastfamilien nächtigten. Neben dem Zoobesuch standen in Zürich ein Rundgang in der Stadt sowie ein Spielnachmittag auf dem Programm. Im Welschland besichtigten alle zusammen das Schoggimuseum in Broc sowie das Schloss Chillon und wanderten zur Salzmine von Bex, wo sie an einer zweisprachigen Führung teilnahmen.

Die Idee entstand aufgrund der Freundschaft zwischen den beiden Lehrerinnen. Sie hatten sich während eines Praktikums kennengelernt, das Rüegg 2014 im Rahmen ihrer Zweitausbildung zur Primarlehrerin bei Burnier in Aigle absolvierte. «Es ist uns wichtig, bei den Kindern die Freude an der Sprache zu wecken und ihnen zu zeigen, dass sie nicht nur für die Schule lernen», sagt Rüegg. Sie selbst habe als Jugendliche nicht so gern «Franz» gehabt, erzählt die 53-Jährige lachend. Erst später habe sie sich mit der Sprache anfreunden können. Vor ihrer Tätigkeit als Lehrerin hatte sie viele Jahre im kaufmännischen Bereich gearbeitet und immer wieder erfahren, wie wichtig Fähigkeiten im Bereich Fremdsprachen sind. «Die besten Jobs erhielt ich wegen meiner Französisch- und Englischkenntnisse.»

Nicht alle Eltern begeistert

Der Aufwand für die diesjährige Austauschwoche war beträchtlich. Bereits zwei Jahre vorher habe man mit den Vorbereitungen begonnen, erzählt Pascale Burnier. Es mussten genügend Helferinnen und Helfer organisiert werden, um die Kinder in Gruppen zu betreuen. Die Lehrerinnen fanden insgesamt vier Personen im eigenen Freundeskreis sowie bei der Fachstelle Benevol, die unter anderem ehrenamtliche Einsätze vermittelt. Auf Widerstände stiessen die engagierten Lehrerinnen teilweise auch bei den Eltern. Carola Rüegg erläuterte das Projekt an einem regulären Elternabend. Einige Mütter und Väter seien von Anfang an dagegen gewesen, bedauert sie. «Sie wollten ihr Kind keiner fremden Familie anvertrauen. » Etliche Kinder hätten bisher noch nie ausserhalb der Familie übernachtet. Es habe sehr viel Kommunikation gebraucht, um schliesslich die meisten für das spezielle Erlebnis zu gewinnen, sagt Rüegg. Auch das Organisieren und Zuteilen der Gastfamilie sei kompliziert gewesen.

Um alle bereits ein wenig darauf vorzubereiten, was auf sie zukommen würde, schrieben sich Gastkinder und Eltern im Vorfeld gegenseitig Mails und schickten sich Fotos von sich und von der Wohnung. Und natürlich war dies eine weitere gute Gelegenheit, die Sprache praktisch anzuwenden. Trotz allen Motivationsbemühungen nahmen schliesslich vier Kinder aus der Deutschschweiz und eines aus der Romandie nicht am Programm im anderen Sprachgebiet teil.

Spiele und Tiere halfen

Vanessa gehört zu jenen, die sich mit Begeisterung auf das Abenteuer einliessen. Die Sechstklässlerin durfte gleich zwei Mädchen aus der Partnerklasse bei sich zu Hause einquartieren. Das Turnen und Spielen mit Chloé und Camille sei lustig gewesen, sagt die 12-Jährige. «Wir sprachen abwechslungsweise deutsch und französisch oder alles durcheinander. Und wenn wir nicht weiterwussten, nahmen wir die Hände zu Hilfe.» Im Kontakt habe sie bereits einige neue Wörter gelernt, erzählt Vanessa. So zum Beispiel den Begriff «caresser», als Chloé und Camille fragten, ob sie Vanessas Hasen streicheln dürften. Auch Adrien hat die erste Nacht mit Arons Familie gefallen. «On a joué au foot», erzählt der 10-Jährige. Die Kinder aus dem Welschland sind im Durchschnitt zwei Jahre jünger als jene aus der Deutschschweiz, hatten aber ebenfalls bereits zwei Jahre Deutschunterricht. Emanuel wiederum war entzückt vom «petit chien»bei seinem Dälliker Kollegen Tim. Und Bilal hat sich sogar bereits etwas Schweizerdeutsch angeeignet. «Tömmer nomal Fuessball spile», antwortet er auf die Frage, was er mit seinem Gastgeber Bruno am Abend vorhabe. Haustiere, Sport und Spiele scheinen beim Überwinden der Sprachbarrieren stark geholfen zu haben.

Als die Schülerinnen und Schüler am Montag nach der Projektwoche wieder im Dälliker Schulzimmer sassen, reflektierten sie ihre Erfahrungen anhand eines Fragebogens. Die Rückmeldungen fielen grösstenteils positiv aus: Von 16 Kindern, die teilgenommen hatten, würden sich 12 nochmals dafür entscheiden. Leon zum Beispiel schrieb: «Ja, ich wäre wieder dabei, weil es mir viel Spass gemacht hat und ich viel Französisch lernen konnte.» Wenn es nach Ermin ginge, könnte der Austausch sogar zwei Wochen dauern. Etwas schwierig war es dagegen für einige Kinder, die allein in einer welschen Familie untergebracht waren. Ein paar fühlten sich etwas fremd und hatten Heimweh. Ob sie das Experiment mit einer nächsten Klasse wiederholen wird, weiss Carola Rüegg noch nicht. «Die Vorbereitung ist deutlich intensiver als bei einem normalen Klassenlager», sagt sie. Hilfreich war jedoch, dass der Sprachaustausch von der Organisation Movetia unterstützt wurde. Die Nationale Agentur für Austausch und Mobilität leistete einen Beitrag von 55 Franken pro Kind sowie eine pauschale Aufwandsentschädigung für die Lehrerinnen von je 150 Franken.

Eine einzige grosse Klasse

Gefreut haben Rüegg die vorwiegend positiven Rückmeldungen. Insbesondere schwächere Schülerinnen und Schüler hätten stark profitiert. «Einige, die sich in der Klasse kaum trauen, etwas zu sagen, haben munter auf Französisch drauflos geplaudert.» Dass sie mit dem Stoff im Franzbuch nun leicht im Rückstand ist, findet sie angesichts der vielen realen Erfahrungen im anderen Sprachgebiet vertretbar. So hätten die Kinder auch viel von der Kultur in der Romandie mitbekommen. Viele seien beeindruckt gewesen vom pittoresken Städtchen im Rhonetal mit seinem Schloss inmitten von Rebhängen, den Bergen im Hintergrund und dem nahen Genfersee. Nähere Kontakte oder sogar Freundschaften seien vor allem abends in den Familien zustande gekommen, sagt Carola Rüegg. Waren die Kinder mit ihren Klassen unterwegs, gruppierten sie sich hauptsächlich mit den altvertrauten Klassengschpänli.

So trauten sich während des Zoobesuchs und des gemeinsamen Picknicks dann nur wenige, mit den Schülerinnen und Schülern von der anderen Seite des Röstigrabens zu sprechen. Doch sobald sie aus der feuchtwarmen Masoala-Halle traten und wieder an die frische Luft kamen, glichen sich die Ausrufe der Romands und Deutschschweizer dann stark: «Aahh», tönte es allenthalben, bevor die Kinder die steile Rutschbahn stürmten. Und in der letzten Stunde am Genfersee hätten alle gemeinsam gespielt, erzählt Carola Rüegg. «Sie waren wie eine einzige grosse Klasse. Beim Abschied waren Deutsch und Französisch gleichermassen zu hören: Au revoir, auf Wiedersehen, Tschüss!»

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