Gefängnisseelsorge

Die Seelsorge ist in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies schon lange ein etablierter Teil des Gefängnisalltags. Pfarrer Frank Stüfen und Imam Sakib Halilovic sind täglich vor Ort und kümmern sich um die Inhaftierten. Gerade in der Pandemie war das ein gefragtes Angebot.

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Im Gespräch mit Pfarrer Frank Stüfen und Imam Sakib Halilovic

Den Weg in die Gefängnisseelsorge haben Pfarrer Frank Stüfen und Imam Sakib Halilovic beide mehr durch Zufall als aus Absicht gefunden. Geblieben sind sie aus Überzeugung. Auch weil im Gefängnis mehr als an anderen Orten das Bedürfnis besteht, offen über Sorgen zu reden.

Wie sind Sie Seelsorger im Gefängnis geworden?

Pfarrer Frank Stüfen [Pfarrer F. S.]: Vor über 20 Jahren hat mich die Kirche angerufen, weil für das Flughafengefängnis ein Seelsorger benötigt wurde. Da habe ich gesehen, wie spannend die Arbeit im Gefängnis ist. Im Gefängnis haben die Menschen keinen Grund, etwas zu verstecken. Im Gegenteil, sie öffnen sich sehr schnell und wollen über das reden, was sie existenziell berührt. Also habe ich mich immer mehr in der Gefängnisseelsorge engagiert und als vor über zehn Jahren die Stelle in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies frei wurde, hat mich die Kirche auf diesen Posten berufen.

Imam Sakib Halilovic [Imam S. H.]: Ich war Imam für die muslimische Gemeinde in Schlieren und wurde von einem Kollegen angefragt, ob ich nicht ab und zu das Freitagsgebet in der Pöschwies unterstützen könnte. Mit der Zeit war ich immer häufiger hier, bis ich 2017 dann offiziell Imam für die Pöschwies wurde. Wenn mir das vor 15 Jahren jemand gesagt hätte, hätte ich das nie geglaubt. Man hat das Bild, dass im Gefängnis die schlechten Muslime sind, mit denen man nichts zu tun haben will.

Ist die muslimische Seelsorge in Schweizer Gefängnissen üblich?

Pfarrer F. S.: In den 80er-Jahren hat ein inhaftierter Muslim vor Bundesgericht eingefordert, dass es neben einem christlichen Gottesdienst auch ein Freitagsgebet geben soll. Es gab damals in Schweizer Gefängnissen so viele Muslime wie Reformierte. Heute kommen die Inhaftierten aus über 80 Nationen und der Gefängnisalltag ist wirklich multikulturell und multireligiös. Das soll auch in der Seelsorge abgebildet werden.

Imam S. H.: Zürich hat in der Schweiz eine Vorreiterrolle, wenn es um die religionsübergreifende Seelsorge geht.

Bibel, Chanukkia, Buddha-Statue, Gebetskette, Gebetslampe, und Gebetsteppich.
Multikultureller und multireligiöser Gefängnisalltag.

Trennen Sie strikt zwischen der christlichen und der muslimischen Seelsorge?

Imam S. H.: (lacht.) Überhaupt nicht. Zu mir kommen viele Gefangene, die meine Sprachen sprechen: Bosnisch, Kroatisch, Serbisch oder Montenegrinisch. Da zählt die kulturelle Vertrautheit mehr als die Religion. Überhaupt sind wir für alle da.

Pfarrer F. S.: Wir sind ja auch nicht die einzigen hier. Neben den katholischen Kollegen haben wir einen christlich-orthodoxen Priester und einen orthodoxen Rabbiner. Auf Anfrage organisiere ich auch einen buddhistischen Mönch oder einen Hindu-Priester. Darüber hinaus tummeln sich im Besuch so einige, die sich ebenfalls als Seelsorgende verstehen: die Zeugen Jehovas, die Heilsarmee, Prison Fellowship und noch viele weitere. Als institutionelle Seelsorge behalten wir das im Auge, um sicherzustellen, dass diese Art der Seelsorge den Inhaftierten und der Institution nicht schadet.

«Die Leute glauben immer, dass wir die ganze Zeit über Religion reden. Aber das ist nicht so.»

Imam Sakib Halilovic

Und der Imam und der Pfarrer erzählen auch, warum sie es gar nicht so stark mit der Religion haben…

Imam S. H.: Die Leute glauben immer, dass wir die ganze Zeit über Religion reden. Aber das ist nicht so. Hier drin gibt es Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten. Die haben auch das Bedürfnis, in einem ruhigen Raum einfach mal zu reden.

Pfarrer F. S.: Wir sind aufgrund des Seelsorgegeheimnisses von der Berichtspflicht befreit. In der Pöschwies werden die Gefangenen pädagogisch, agogisch und therapeutisch begleitet und behandelt. Beobachtungen bezüglich des Vollzugsverhaltens fliessen in die Berichterstattung ein, welche wiederum Einfluss auf die Vollzugsplanung hat. Bei der Seelsorge können auch mal Sorgen angesprochen werden, ohne dass man als Inhaftierter Angst haben muss, dass einen das später vielleicht in einem Bericht antrifft.

Person in Gefängniskleidung mit Sprechblasen voller Erinnerungen. Mann mit Kreuz auf der Brust und Mann mit Stern und Halbmond auf der Brust hören zu.
Insassen haben oft das Bedürfnis, einfach mal zu reden.

Hat sich durch Ihre Tätigkeit das Bild von den Menschen im Gefängnis gewandelt?

Imam S. H.: Das Bild hat sich kristallisiert. Auch Inhaftierte sind nur Menschen. Nehmen wir einen Mann, der sein ganzes Leben für die Familie geopfert hat. Er ist allein in die Schweiz gekommen, hat viel gearbeitet und später die Familie nachgeholt. Nach 40 Jahren der Aufopferung enttäuscht ihn die Familie oder die Ehefrau und für einen Moment verliert er die Kontrolle. Ein anderer Mann hatte einen kulturellen Konflikt. Er wollte seiner Familie ein besseres Leben in der Schweiz ermöglichen. Aber durch die Zeit in der Schweiz entwickelte die 16-jährige Tochter einen anderen Lebensentwurf als der Vater. Eine Auseinandersetzung eskalierte und er tötete die Tochter. Die Straftaten kann und soll man nicht entschuldigen, aber auch die Menschen hinter den Taten muss man sehen.

Pfarrer F. S.: Straftaten haben oft Anhaltspunkte in der Biographie. Am Anfang stehen da gewalttätige oder alkoholkranke Väter, überforderte Mütter, verwahrloste Kinder, Missbrauch, Bildungsschwierigkeiten und vieles mehr. Ich glaube nicht, dass es schlechte Menschen gibt. Ich glaube, dass es unsere Seele nicht verkraftet, wenn es zu viele Konflikte und zu viel Lieblosigkeit in unserem Leben gibt. Die Gesellschaft stellt sich das Gefängnis voller monströser Menschen vor, anstatt die gebrochenen Biographien dieser Menschen zu sehen.

«Ich glaube nicht, dass es schlechte Menschen gibt. Ich glaube, dass es unsere Seele nicht verkraftet, wenn es zu viel Lieblosigkeit in unserem Leben gibt.»

Pfarrer Frank Stüfen

Leistet die Gefängnisseelsorge einen Beitrag zur Wiedereingliederung der Straffälligen?

Imam S. H.: Wir haben keinen Auftrag und wir führen unsere Gespräche nicht mit einem klaren Motiv. Wir reden über das Leben und helfen den Menschen, sich selber besser zu reflektieren. Aber wir sprechen nicht gezielt über die Tat. Wir sind offen für alle Themen und haben keine Ansprüche an die Gespräche.

Pfarrer F. S.: Natürlich weiss ich, wo bei den Inhaftierten der Schuh drückt. Aber in erster Linie schaffen wir einen Schutzraum, in dem Dinge spontan passieren können. Manchmal passiert auch nichts, aber unsere Beziehungen dauern oft Jahre oder Jahrzehnte. Da passiert meistens ganz schön viel.

Vielen Dank für das Gespräch!
 

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