Newsletter der Fachstelle Bibliotheken Juni 2022

Eine Frau geht über einen Platz auf dem grosse weisse Punkte aufgemalt sind.

Erfahren Sie in der Juni 2022 Ausgabe mehr zu Weiterbildungen, dem neuen biblioheft, zur Drehscheibe Bibliothek, zu den Bibliotheken Wiesendangen und Seuzach, zum Infomobil und zum LiteraturLabor SIKJM.

Inhaltsverzeichnis

Schritte Richtung Zukunft

Liebe Kolleginnen und Kollegen

Die Weiterbildungen der Fachstelle Bibliotheken orientieren sich an den strategischen Leitsätzen der Fachstelle und unterstützen Sie in der Gestaltung Ihres Arbeitsalltags. In praxisnahen Workshops erfahren Sie, womit Kinder sinnvoll in der Bibliothek mitwirken können, warum interkulturelle Bibliotheksarbeit alle etwas angeht, wann Einfache Sprache gelingt und wie Sie Ihre Auftrittskompetenz verbessern.

Das bibliothekspädagogische Team der Stadtbibliothek Winterthur hat mit dem neuen biblioheft ein wertvolles Spiralcurriculum für Klassenführungen und -lektionen in Ihrer Bibliothek erarbeitet. Die kantonalen Fördergelder des Amts für Jugend und Berufsberatung AJB und des Volksschulamts VSA ermöglichen weiterhin die Zugänglichkeit vom neuen biblioheft auf bischu.

Der Bericht der Bibliotheksleiterin Karin Baeryswil präsentiert die Profilbildung der Bibliothek Unterengstringen als kulturelle Drehscheibe. In einem Interview teilt die Leiterin der Bibliothek Wiesendangen, Marlise Allenspach, ihre ersten Erfahrungen mit Open Library. In den Gastbeiträgen aus den Bibliotheken Seuzach und Affoltern am Albis erzählen die Bibliotheksleiterinnen Susan Pisan und Ulla Schiesser direkt aus Ihrer Bibliothekspraxis.

Die kreativ-spielerischen Angebote des LiteraturLabors, dem ersten Lehrgang des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien SIKJM, ergänzen Ihre Angebote für Primarschulkinder zur Kinderliteraturvermittlung.

Herzliche Grüsse aus der Fachstelle Bibliotheken

Ulrike Allmann

Weiterbildungen 2. Halbjahr

Rothaarige Frau blickt durch ein Papier-Teleskop.
Auf, zum Kursangebot der Fachstelle Bibliotheken! Quelle: iStock

Die Fachstelle Bibliotheken bietet auch für das zweite Halbjahr praxisnahe Workshops zu Fragen des Bibliotheksalltags an: Die Kurse liefern Instrumente zum Thema Auftrittskompetenz oder Partizipation von Kindern und Jugendlichen in Bibliotheken und sensibilisieren für erste Schritte in Richtung interkultureller Bibliotheksarbeit. Die Schreibwerkstatt zur Einfachen Sprache ist für Anfänger geeignet.

Die Neugierde wecken – das neue biblioheft

Die sieben bibliohefte liegen aufgefächert auf dem Tisch.
Das biblioheft stützt sich auf den Lehrplan 21 und bildet eine Brücke zwischen den Bildungspartnern Schule und Bibliothek.

Das erste Mal Bibliotheksluft schnuppern

«Hereinspaziert»: Die Kinder stolpern über Eisenbahnschienen, können Goldfische im Aquarium beobachten und ruhen sich im gemütlichen Bett aus. Mit einem Buch, denn die Regale und Büchertröge sind voll und die Auswahl gross. Auch ausleihen könnte man sie …

Sieht es so in unserer Bibliothek aus? Ein unterhaltsames und aufschlussreiches Gespräch mit den Kindern folgt. Spielerisch und sachte werden sie so mit dem wirklichen Angebot der Bibliothek vertraut gemacht.

Erlebnisreich und spannend geht es auch für die folgenden Altersstufen weiter. In regelmässigen Besuchen wird den Schulkindern die Türe zur Bücher- und Bibliothekenwelt geöffnet. Diese Besuche werden begleitet vom neuen biblioheft, mit dem die Schülerinnen und Schüler viel Wissenswertes über die Bibliothek erfahren.

Mit dem biblioheft die Neugier wecken

Die sieben bibliohefte – vom Kindergarten bis in die 6. Klasse – sind 2021 überarbeitet, aktualisiert und an den Lehrplan 21 angepasst worden. Dank einer engen, kreativen und anregenden Zusammenarbeit mit einer Grafikerin und einem Illustrator ist ein besonderes Lehrmittel entstanden. Es sind Hefte, die voller Überraschungen sind. Was sich wohl unter der Klappe auf dem Titelbild von jedem neuen biblioheft verbirgt? Sie weckt die Neugier noch vor dem Durchblättern des Heftes.

Ein Chamäleon begleitet sie dabei auf jeder Heft-Seite. Das verwandlungsfähige, bunte Tier symbolisiert das Vielfältige einer heutigen Bibliothek und zeigt den Kindern, was in jeder der zehn Führungen pro Heft erkundet werden kann. Und es wächst mit. Ab dem vierten Heft verwandelt es sich in ein drachenähnliches Wesen. Und passend zum zunehmenden Einsatz von digitalen Medien wird seine Freundin, die Giraffe, ein fliegendes Roboterwesen.

Der Begleitkommentar liefert zudem für jeden Bibliotheksbesuch zahlreiche handlungsorientierte Ideen und Medientipps. Auch Hinweise auf den Einsatz von Blue-Bot und Tablet in Verbindung mit geeigneten Apps fehlen nicht. Das fördert und stärkt zusätzlich die Informationskompetenz der Kinder.

Die Bibliothek – ein bereichernder Ort für Kinder

Bei ihren regelmässigen Besuchen tauchen die Kinder in die abenteuerlustige, fantasievolle Welt der Geschichten ein. Sie stöbern im Bestand, lernen sich in der Bibliothek zu orientieren und machen sich vertraut mit dem Ausleihsystem. Sie entdecken Spannendes in Sachbüchern und üben sich in Recherchetätigkeiten. Kreativ jonglieren sie mit Buchstaben und Wörtern, spielen mit der Sprache und werden inspiriert, eigene Geschichten und Gedichte zu erfinden. Auch für die Sprachenvielfalt in ihrer Klasse werden sie sensibilisiert.

Bei der Führung «Freundschaft, amitié, amicizia» im Heft 5 gehen die Fünftklässlerinnen und Fünftklässler beispielsweise über die Sprachgrenzen hinaus und erleben, wie wichtig eine Freundin oder ein Freund in jeder Sprache ist. Oder wie es eine Schülerin in einem kurzen Gedicht unter dem Motto «Wortspiele» treffend und schön zur Sprache bringt:

Freunde
helfen einander
sind immer da
ich vertraue ihnen ganz
Freundschaft

Eine vertraute und verbindende Beziehung eingehen mit der Bibliothek, sie zu einem wertvollen und bereichernden Ort werden lassen: Das ist das Hauptziel aller bibliohefte.

In den letzten Jahren ist eine tiefe und beiderseits geschätzte Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen entstanden, die mit ihrem Engagement ebenso dazu beitragen, dass dieses Ziel erreicht werden kann. Die Winterthurer Bibliotheken teilen mit ihnen die Begeisterung über die Neuauflage. Die zahlreichen positiven Rückmeldungen bestätigen uns, dass wir richtig unterwegs sind.

Wir beabsichtigen deshalb die Kommentare und die neuen bibliohefte in einer PDF tauglichen, vereinfachten Version weiteren Interessierten zugänglich zu machen. Ab Anfang Juli zeigen wir eine Online-Version auf unserer Webseite www.winbib.ch und auf www.bischu.zh.ch. Schauen Sie rein und lassen Sie sich inspirieren.

Drehscheibe Bibliothek

Vor der Bibliothek Unterengstringen wird gefeiert.
Die Bibliothek Unterengstringen ist eine Bibliothek die mitten im Dorfgeschehen steht.

Erfahrungsbericht aus einer kleinen Schul- und Gemeindebibliothek am Stadtrand von Zürich

Karin Baeriswyl, seit über 20 Jahren Leiterin der Bibliothek Unterengstringen und Verfasserin dieses Berichts ist überzeugt:

«Noch ist unsere Bibliothek eine Bibliothek mit Treffpunkt-Charakter, in zehn Jahren wird sie ein Treffpunkt mit Bibliotheks-Charakter sein.»

Unterengstringen ist ein nahe an die Stadt Zürich angrenzendes Dorf mit 4000 Einwohnern, fünf Kindergärten und einem Primarschulhaus. Die Bibliothek, mit 11’000 Medien und 240 Quadratmeter Fläche, befindet sich mitten im Schulhausareal, wunderschön gelegen, aber ohne Einkaufsmöglichkeiten oder Restaurant in der Umgebung. Dieser Umstand fordert das Team immer wieder von Neuem heraus, die gesellschaftlichen Bedürfnisse nicht nur der Besucherinnen und Besucher, sondern auch der Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinde zu erkennen und aufzugreifen, um sich aktiv einzubringen und so die Position und den Stellenwert der Bibliothek zu stärken.

Die Angebote der grossen Bibliotheken, vor allem in unseren nordischen Nachbarländern, sind grossartig, aber leider in unserer kleinen Bibliothek nie umsetzbar. Die Bedürfnisse der Bevölkerung nach Gemeinschaft, Freizeit-Angeboten und Raum zur Nutzung sind aber die gleichen.

Die folgenden Beispiele kommen aus dem Tätigkeitsfeld der Bibliothek Unterengstringen, können aber in der einen oder anderen Form überall passen oder Anstösse geben.

Neben dem Kerngeschäft und dem Erfüllen des Grundauftrags einer jeden Schul- und Gemeindebibliothek stützt sich das Angebot der Bibliothek Unterengstringen auf folgende Pfeiler:

Grafische Darstellung des Angebotsportfolio der Schul- und Gemeindebibliothek Unterengstringen.
Das Angebotsportfolio der Schul- und Gemeindebibliothek Unterengstringen. Quelle: Broschüre Profilierte Bibliotheken, Entwicklungsmöglichkeiten für Gemeindebibliotheken, Hrsg. Bildungsdirektion Kanton Zürich 2017

Die drei Stützpfeiler «Öffentlicher Raum», «Veranstaltungen» und «Temporäre Aufgaben» sind stark miteinander verknüpft.

«Öffentlicher Raum» mit gesellschaftlichen Aufgaben

Bei der Einführung der erweiterten Öffnungszeiten im Jahr 2012 wurde klar dokumentiert, dass die Bibliothek, ausgenommen samstags, doppelt besetzt wird, um genügend Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen zur Kundschaft zu haben. Der Gedanke, den «Öffentlichen Raum» auch mit gesellschaftlich sinnvollen Aufgaben zu betreiben, war ein wichtiger Bestandteil der Planung. Die Bibliothekarinnen nehmen sich Zeit, um mit einem kürzlich verwitweten Menschen einen Kaffee zu trinken und ein offenes Ohr zu haben, für ein Spiel mit einem Kind, das schon lange auf die Eltern wartet, einen Tipp bei den Hausaufgaben, für Hilfeleistungen bei einer Recherche für Personen ohne Internetkenntnisse usw. Die Bibliothek Unterengstringen geht sehr bewusst den analogen Weg und setzt die eingesparten Mittel für die Umsetzung des «Dritten Orts» ein.

Sie ist ein sehr lebendiger Ort und wird von Jung und Alt gern besucht und geschätzt. Die Ausleihzahlen steigen immer noch leicht an.

«Veranstaltungen»

Das Angebot richtet sich an möglichst viele Alters- und Gesellschaftsgruppen, nach deren Bedürfnissen und den bestehenden Möglichkeiten und Ressourcen, so wie in allen Bibliotheken.

«Temporäre Aufgaben»

Diese Aufgaben sind, neben den temporären Aufgaben explizit für die Schule, gesellschafts- und dienstleistungsorientiert. Die Angebote haben sich mit den Jahren etabliert und sind in unserer Gemeinde nicht mehr wegzudenken:

Ticketverkauf in der Bibliothek

Seit einigen Jahren übernimmt die Bibliothek die Ticketverkäufe der kulturellen Anlässe im Dorf. Mit Öffnungszeiten von 13.30 bis 19.00 Uhr montags bis freitags und samstags von 10.00 bis 13.00 Uhr ist die Bibliothek kundenfreundlicher erreichbar als die Gemeindeverwaltung und die Vereine.

Es kann vorkommen, dass gleichzeitig Tickets für eine grössere Veranstaltung der Gemeinde verkauft und coronabedingt Zeitslots für das Kerzenziehen herausgegeben werden. Den Honig vom Ortsmuseum kauft man in der Bibi, die Tickets für das Muttertags-Konzert des Männerchors und die Zutritts-Bändel und Plaketten für das Dorffest im September. Der Schriftverkehr für diese Dienstleistungen (Ticketreservierungen und Platzbestätigungen) wird über die Bibliotheks-Mail-Adresse abgewickelt.

Folglich geht es in der Bibliothek manchmal zu und her wie im Bienenhaus. Man diskutiert vor der Theke über die bevorstehende Veranstaltung, die besten Sitzplätze, führt Wartelisten und informiert über freigewordene Plätze. Und bald kommt das Gespräch auf die bevorstehende Abstimmung, den unmöglichen Standort der Bushaltestelle, den feinen Dreikönigskuchen aus der Dorfbäckerei. Zwei junge Väter setzen sich zu einem Schwatz zusammen, während sich die Kinder mit der Duplo-Kiste beschäftigen. Oder zwei ältere Einwohnerinnen bleiben noch lange im Gespräch vor der Tür stehen. Bibliothekskunden und -kundinnen erhalten vom Bibliotheksteam wertvolle Informationen über die örtlichen Vereine, Mittagstische, Begegnungsmöglichkeiten für junge Familien, Babysitter oder Nachhilfestunden.

Mailversand von Anlässen, Aktivitäten, Helfenden-Suche, Aktuelle Ereignisse

Die Dorfzeitung erscheint nur dreimal jährlich und ist dementsprechend selten aktuell. Das hat das Team dazu bewogen, «News aus dem Dorf», zum Beispiel von Vereinen und Institutionen aus Unterengstringen, an die Kundschaft, aber auch an Nichtkunden, die sich explizit für diese News in der Bibliothek einschreiben, zu versenden. Diese Informationen gelangen somit schnell und unkonventionell an viele Einwohnerinnen und Einwohner und deren Familienmitglieder. Die Mails beinhalten Kurzinformationen zu den angehängten Flyern.

Der Turnverein sucht neue Jugi-Leitende / Der Elternverein lädt zum Picknick / Die Marionettenbühne darf endlich wieder spielen / Die Feuerwehr sucht dich / Kinderkleider- und Velobörse / Wegen Corona morgen kein Zeitungssammeln / Kerzenziehen / Räbeliechtliumzug / Neue Turner und Turnerinnen für die Seniorengruppe gesucht.

So gehen praktisch alle Aktivitäten und Veranstaltungen der Gemeinde irgendwann über die Bibliotheks-Theke.

Man kann diese Aufgaben und Dienstleistungen als eine Win-Win-Win-Situation betrachten: Veranstalter, Besucher und die Bibliothek profitieren.

Aktive Beteiligung an gesellschaftlichen und kulturellen Anlässen

Wenn immer es passt, bringt sich die Bibliothek bei gesellschaftlichen und kulturellen Anlässen von Institutionen und Vereinen im Dorf ein, legt Helfendenlisten auf, sammelt die Wettbewerbstalons eines Veranstalters, gestaltet und lädt ein für ein Adventsfenster, öffnet am Frühlingsfestsonntag das Bibi-Bistro, feiert drei Tage und zwei Nächte mit eigenem Angebot am Dorffest, integriert sich mit Aktivitäten am Herbstfest des Elternvereins.

Diese Vernetzung führt dazu, dass die Bibliothek mitten im Dorfgeschehen steht, informiert und eingeladen wird und sich als wichtige kulturelle und gesellschaftliche Anlauf- und Informationsstelle etabliert hat.

Das Team erhält sehr viel Lob und Unterstützung von zufriedenen Mitmenschen, Vereinen, Institutionen und mittlerweile auch von der Gemeinde.

Die Mitarbeiterinnen finden, so zu arbeiten ist manchmal streng, macht aber auch sehr viel Freude. Zudem wird eine der vielen notwendigen, empfohlenen, möglichen und gewünschten Grundlagen aus den «Richtlinien für öffentliche Bibliotheken 2020» erfüllt:

Grundlage 7 – Partnerschaften und Netzwerk

Bibliotheken sind Teil des sozialen und kulturellen Lebens in ihrem Umfeld und nehmen in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen aktiv daran teil. Als zentrale Schaltstelle in einem gut funktionierenden Netzwerk sind die Bibliotheken als Kultur- und Bildungsinstitutionen für die Gemeinde unverzichtbar.

Open Library in Wiesendangen

Marlise Allenspach leitet die Bibliothek Wiesendangen.
Marlise Allenspach freut sich über das Gelingen der Umsetzung des Angebots Open Library.

Erste Erfahrungen mit Stars, Milchkühen und armen Hunden!

Die Bibliotheksleiterin Marlise Allenspach hat Dank Projektfördergelder der Fachstelle Bibliotheken das Konzept Open Library in ihrer Bibliothek einführen können. Von diesen erweiterten Öffnungszeiten ohne Personal profitieren Personen ab 18 Jahren sowie ihre Begleitung. Die Ausleihe und Rücknahme der Medien ist mit dem Selbstverbuchungsautomat jederzeit gewährleistet. Den Zutritt zur Bibliothek täglich von 6 bis 22 Uhr (ausser Montagmorgen) erhält man mit einem Aufpreis von jährlich 10 Franken zum Mitgliederabonnement.

Im Interview mit der Fachstelle Bibliotheken erzählt Marlise Allenspach von Ihren Erfahrungen.

Du hast als erste Leiterin einer kleineren Gemeindebibliothek im Kanton Zürich das Konzept einer Open Library realisiert. Was war Deine Motivation für diesen mutigen Schritt?

Marlise Allenspach: Von der Möglichkeit Open Library anzubieten, hörte ich erstmals an der Bibliotheksmetamorphose in Winterthur im Jahre 2010. Schon damals fand ich es eine interessante Option. Bestärkt wurde sie dadurch, dass in Skandinavien dieses Angebot nun seit vielen Jahren besteht und gut funktioniert. Bereits mehr als 400 Bibliotheken bieten Open Library an.

Zunehmend fehlen Orte, an denen man ohne Konsumzwang lesen, verweilen und sich austauschen kann. Gleichzeitig besteht der Wunsch nach längeren Öffnungszeiten. Auch meine Maturitätsarbeit zum Thema «Die Zukunft der Bibliothek Wiesendangen» zeigte diese Bedürfnisse auf. Mit Open Library deckt die Bibliothek nun beide Bedürfnisse täglich ab.

Deine ersten Erfahrungen mit der Open Library interessieren sicherlich auch die Fachkollegen in anderen Regionen. Ganz salopp gefragt am Beispiel einer Portfolio-Analyse: Was sind die Stars, die Milchkühe und die armen Hunde bei dem Angebot Open Library in der Bibliothek Wiesendangen?

Marlise Allenspach: Da wir Open Library erst seit anfangs März betreiben, können wir nur erste Erfahrungen weiter geben, aber noch nicht aus dem Vollen schöpfen. Im Moment sind die armen Hunde die Makerboxen. Wir möchten sie jedoch nicht abschaffen, sondern vorantreiben. Denn für das Tüfteln, Forschen und Experimentieren mit den Makerboxen benötigen die meisten Kundinnen und Kunden noch unsere Hilfe. In den Herbst- und Wintermonaten werden wir deshalb Maker-Events veranstalten. Damit soll erreicht werden, dass Kundinnen und Kunden selbständig während den Open Library-Zeiten damit arbeiten können, beispielsweise an einem regnerischen Sonntag.

Die Milchkühe sind bei unserer Open Library die Abos. Der Preis für Open Library ist relativ bescheiden. Werden die unbedienten Öffnungszeiten in Zukunft stark genutzt, kann deshalb eine Erhöhung des Abonnementspreises in Erwägung gezogen werden.

Die Stars sehe ich bei den Aktivitäten. Wir bieten gegen Entgelt Räume an, zum Beispiel einem Englischclub. An diesem Event wird jeweils einmal im Monat ausserhalb der bedienten Öffnungszeiten über ein Buch diskutiert. Dies sind für uns Selbstläufer, bei denen das Team kaum einen Aufwand betreibt, der aber zur Attraktivität der Bibliothek beiträgt und zum Lesen animiert.

Und welche Fragezeichen beschäftigen Dich aktuell bei Deiner Open Library?

Marlise Allenspach: Bleibt nach dem ersten Run die Nutzung der Open Library stabil, respektive wird es auch in Zukunft oft genutzt werden? Wie wird es den Selbstläufer ergehen?

Benötigt es schon eine weiterführende Strategie für die Open Library in Wiesendangen? Und was würdest Du Deinen Kolleginnen und Kollegen mitgeben, die aktuell eine Open Library planen?

Marlise Allenspach: Wir haben bei der Abonnementserinnerung nun einen Werbetext zu Open Library hinzugefügt, um zusätzlich auf Open Library aufmerksam zu machen. Weiter möchten wir die Kundinnen und Kunden mit geplanten Aktionen animieren, Ideen für einen attraktiven Aufenthalt zu entwickeln.

Meinen Kolleginnen und Kollegen möchte ich mitgeben, die Geldgeber für das Projekt Open Library frühzeitig miteinzubeziehen. Allenfalls können die hohen Kosten auch in Etappen budgetiert werden. Meine Erfahrungen zeigen, dass mit Motivation und Ausdauer vieles erreicht werden kann, sei es für dieses aber auch für andere Projekte.

Vielen Dank Marlise für Deine Erfahrungen und Tipps!

Die Bibliothek Seuzach rückt ins Zentrum

Der attraktive Empfang der Bibliothek Seuzach am neuen Standort.
Die Bibliothek Seuzach – ein Ort der Begegnung für jung und alt.

Ein Gastbeitrag von Susan Pisan, Leiterin der Bibliothek Seuzach

Die Geschichte

Die Bibliothek Seuzach wurde 1962 gegründet und in einem Gemeindegebäude in einer Seitenstrasse einquartiert. Das neue Angebot wurde rege genutzt und der Bücherbestand über die folgenden Jahre stetig vergrössert. Zudem wurde das Medienangebot mit Kasettli’s und Gesellschaftsspiele ergänzt. So wurden die Platzverhältnisse immer knapper. Nach 20 Jahren konnte die Bibliothek um 2/3 ihrer Fläche auf 220 Quadratmeter erweitert werden. Die Entwicklung des Bibliotheksangebots ging stetig weiter, digitale Medien wurden ins Angebot aufgenommen, der Nonbook-Bestand entsprechend vergrössert. Um den Kunden ein gemütliches Ambiente bieten zu können, wurde eine Lese-Ecke mit Kaffeemaschine eingerichtet. Das Buchstartprojekt brachte erfreulicherweise viele junge Familien in die Bibliothek. Die kleine Nische für die Kinder platzte aus allen Nähten. Eine bauliche Erweiterung der Bibliothek war wegen des gegebenen Grundrisses des Gebäudes nicht möglich und eine Weiterentwicklung der Bibliothek als «dritter Ort» im Dorf unter diesen Umständen unrealistisch.

Die Idee

2017 wurde in Seuzach eine heterogene Arbeitsgruppe geschaffen, welche sich mit der Zukunft der Gemeinde befassen durfte. Bei der Analyse des Ist-Zustandes fiel unter anderem das Fehlen eines attraktiven Ortszentrums sowie ein ungenügendes Angebot an Alterswohnungen auf. So wurde das Projekt «Wohnen im Alter» ins Leben gerufen. Auf einem geeigneten, äusserst zentralen Grundstück konnte eine Überbauung geplant werden. Realisiert werden sollten drei Wohnhäuser mit je 20 Alters-Wohneinheiten, wobei in jedem Gebäude eine gemeinnützige Institution einquartiert werden sollte. Um das «neue» Zentrum zu beleben und einen Ort zu schaffen, der für die breite Bevölkerung von Nutzen sein könnte, kamen wir ins Spiel, die Bibliothek! Eine geöffnete Bibliothek belebt mit ihrer Laufkundschaft die Umgebung, ist ein Ort für ALLE, wo man sich ohne Konsumationszwang treffen und verweilen kann. Bei einer Urnenabstimmung sagten die Bürger der Gemeinde JA zur Realisierung dieses Projektes.

Die Umsetzung

Die zweieinhalb-jährige Planungs- und Bauphase war hochinteressant und arbeitsintensiv. Nebst der professionellen Beratung und Planung durch das Architektenteam, einem spezialisierten Lichtplaner und äusserst innovativen Mitarbeitern der Gemeinde konnten wir sehr viele unserer eigenen Vorstellungen realisieren. Wir waren stets ein Teil des Teams und waren bei allen wichtigen Entscheidungen vor Ort. Insbesondere für das Layout, die Materialisierung und die Funktionalität der neuen Bibliothek investierten wir viel Zeit und Energie. Bei verschiedenen Besuchen von modernen Bibliotheken in der Schweiz liessen wir uns zusätzlich inspirieren und nahmen Tipps und Erfahrungen unserer Bibliothekskolleginnen gerne entgegen. Auch die kantonale Bibliotheksfachstelle Kanton Zürich war für uns eine hilfreiche Anlaufstelle.

Die neue Bibliothek

Der neue Standort ist sehr zentral, 360 Quadratmeter auf zwei Stockwerken mit Fahrstuhl, Ausrichtung Nord-Ost, modernste Technik. Die Öffnungszeiten wurden von 18 auf 30 Stunden erweitert. 

Realisiert wurde ein Bijou!

Die 11’500 Medien wurden in Alterskategorien auf die zwei Stockwerke aufgeteilt: Das Obergeschoss ist der ruhigere Bereich, wo unsere Kundschaft lesen und arbeiten kann. Hier befinden sich neben Büchern und einer Abfragestation eine Lounge zum Verweilen und Tische zum Arbeiten. Im Erdgeschoss darf es lauter zu und her gehen. Kindermedien, Sachbücher zum Thema Familie und Freizeit, Gesellschaftsspiele, DVDs und Zeitschriften sowie eine Kaffeenische sind hier untergebracht.

Alle Medien sind auf RFID umgerüstet, wodurch unserer Kundschaft die Selbstausleihe ermöglicht wird. Die Suche nach den gewünschten Medien wird neu durch die Klartextsystematik erleichtert. Vor allem im Obergeschoss, wo das Personal weniger präsent ist, hilft es den Kundinnen und Kunden selbständig ihre gewünschten Medien zu finden.

Das Fazit

Die Bibliothek konnte dank dem neuen Standort in einem modernen Neubau und dem gemütlichen Ambiente in den attraktiven Räumlichkeiten viele neue Kundinnen und Kunden gewinnen. Dass die Zahl der männlichen Kundschaft verhältnismässig stark zugenommen hat, freut uns ebenso, wie die zahlreichen Neukunden von Bewohnerinnen und Bewohnern der neuen Alterswohnungen. Sie beleben die Bibliothek zusätzlich, gelegentlich sogar in Hausschuhen, können sie doch ohne das Haus zu verlassen die Bibliothek besuchen.

Das Ziel, die Bibliothek als «dritten Ort» im Dorf zu etablieren ist uns gelungen. Die steigenden Ausleih- und Kundenzahlen sprechen für sich.

Die erfreulichen Zahlen lassen uns aber nicht auf den Lorbeeren ausruhen, ein weiteres Angebot, die Open Library soll mittelfristig realisiert werden. Die sich verändernden Bedürfnisse der Gesellschaft motivieren uns, weiterhin dynamisch und innovativ zu bleiben.

Die Bibliothek Seuzach am neuen Standort in einem modernen Neubau.
Wahrlich ein Bijou!

Kennzahlen

  2020 2021
Ausleihen 37’304 39’269
Ausleihen digital 10’131 10’892
Gesamte Ausleihe 47’435 50’161
Neukunden 185 367
Öffnungszeiten / Std. 18 30
Gesamtfläche 220 350

Infomobil

Ein Bezirksprojekt der Regionalbibliothek Affoltern am Albis

Das Infomobil, ein Lastwagenanhänger, geht mit einer fahrbaren Bücherausstellung für Kinder und Jugendliche auf Tour.
Das Infomobil ist während mehr als vierzig Wochen pro Jahr in der ganzen Deutschschweiz unterwegs.

Ein Gastbeitrag von Ulla Schiesser, Leiterin Regionalbibliothek Affoltern

Leselust zum Anfassen

Der Lastwagenanhänger geht mit einer fahrbaren Bücherausstellung für Kinder und Jugendliche auf Tour. Jährlich wird ein komplett neues Sortiment der aktuellsten Bücher für Kinder und Jugendliche aller Altersstufen präsentiert. Das Angebot umfasste dieses Jahr 800 Titel: Bilderbücher, Sachbücher, Comics, Kinder- und Jugendbücher und ist sehr sorgfältig zusammengestellt. Schulen und Bibliotheken können den Wagen jeweils für mehrere Tage oder Wochen mieten.

Kindern den Puls fühlen

Die Kinder erforschen den Bus klassenweise in Begleitung ihrer Lehrperson. Im hellen und beheizbaren Wagen stöbern und schmökern sie, versenken sich in ein Buch ihrer Wahl oder kichern zusammen über einer Seite. Dann füllen sie Wunschzettel aus und schlagen ihre Favoriten aus dem Angebot zur Anschaffung für ihre Bibliothek vor.

So erfahren Bibliothekarinnen aus erster Hand, welche Medien die Kinder interessant finden und für welche Themen sie sich lesend begeistern könnten. Für die Kinder ist es eine schöne Erfahrung, ihre Wunschtitel in der Bibliothek wieder anzutreffen und damit selber einen kleinen Teil zur Gestaltung «ihrer Bibliothek» beizutragen.

Von Kindern ausgefüllte Wunschzettel mit Favoriten aus dem Angebot des Infomobils zur Anschaffung für ihre Bibliothek.
Welcher Favorit macht wohl das Rennen?

Leseförderung fürs Säuliamt

Ungefähr alle drei Jahre organisiert die Regionalbibliothek für den ganzen Bezirk die Tour des Infomobils. Bibliotheken oder Schulen, die mitmachen möchten, können sich bei der Regionalbibliothek melden und den Bus für 60 Franken pro Tag mieten. Die Dauer des Aufenthalts stimmen die Bibliotheken mit den Schulen ab.

Den Transport von Gemeinde zu Gemeinde übernimmt der Regiebetrieb der Stadt Affoltern am Albis, der extra dafür einen geeigneten Anhänger gekauft hat. So ist es auch für Bibliotheken mit kleinem Budget möglich, am Projekt teilzunehmen. Für den Regiebetrieb ist der Aufwand jedoch erheblich. Der zuständige Mitarbeiter muss das Infomobil zu fest verabredeten Zeiten holen und sehr zuverlässig am neuen Standplatz anliefern. Ohne diesen Einsatz wäre das Projekt bestimmt nicht so erfolgreich.

Das Infomobil «Bücher auf Achse» war von November 2021 bis Mitte Februar 2022 auf grosser Tour im Bezirk Affoltern. 103 Schulklassen haben das Infomobil erstürmt und die Bibliotheken haben, ganz zur Freude der Schülerinnen und Schüler, je zwischen 10 und 40 der gewünschten Titel angeschafft. Stefan Schneiter, Redaktor bei der Zeitung «Anzeiger Bezirk Affoltern», hat ausführlich über das Leseförderungsprojekt berichtet.

Erleichterte Organisation

Früher war ein Zusammenstellen des Tourenplans sehr aufwändig für die Leiterin der Regionalbibliothek. Es war ein komplizierter Prozess, bis alle Wunschtermine koordiniert, alle Namen und Handynummern der zuständigen Personen, alle E-Mailadressen und alle exakten Anlieferungs- und Abholzeiten korrekt notiert waren. Das hat Patricia Schnyder, Geschäftsführerin von Kinder- und Jugendmedien Zürich, nun übernommen und innert kürzester Zeit stand der exakte Plan für die Tour – vielen Dank.

Kinder schmökern im Infomobil (Bücherwagen)  in Büchern.
Das Sortiment im Infomobil beinhaltet die aktuellsten Bücher für Kinder und Jugendliche aller Altersstufen.

PS: Ausschnitt aus einem Feedback einer kleinen Schule: «Alle Lehrpersonen fanden den Bücherbus toll! Vom Kindergarten bis zur 6. Primarschule haben acht Klassen den Bus während zwei bis drei Lektionen genutzt. Wir haben die Wünsche der Kinder gesammelt und werden nächstens eine Bestellung im Rahmen unseres Budgets tätigen. Wir würden das Infomobil wieder buchen, da es für eine Woche den Fokus auf Bücher richtet und die Kinder zum Lesen und Anschauen motiviert. Danke für das Angebot!»

Angebote aus dem ersten LiteraturLabor

Auf einem Tisch liegt ein Sammelsurium aus Büchern, Spielen, Schreibwaren, einer geöffneten Karte mit Tierillustrationen, roter Klebepunkte und roter Zackenlitze.
Kinderliteraturvermittlung mit kreativ-spielerischen Projekten für Primarschulkinder.

Ein Gastbeitrag vom Schweizerischen Institut für Jugendmedien SIKJM

Seit Anfang 2021 hat sich eine Gruppe von Interessierten im Rahmen des Pilotlehrgangs «LiteraturLabor SIKJM» auf die Kinderliteraturvermittlung eingelassen und kreativ-spielerische Projekte für Primarschulkinder entwickelt. Erklärtes Ziel ist der Kinderliteraturvermittlung in Bibliotheken einen Schub zu verleihen. Kinder im Primarschulalter sollen am Reichtum von Literatur teilhaben können, selbst lesen und handeln, gemeinsam nachdenken und spielen, Geschichten erfahren und sich das Wissen der Welt aneignen, sei es mit der Schulklasse oder in der Freizeit.

Erste Umsetzungen haben seit Herbst 2021 im Rahmen des Pilotversuches stattgefunden und stiessen in Bibliotheken und Schulen auf ein tolles Echo.

Ab sofort stehen die Projekte allen Bibliotheken offen.

Und es gibt vieles zu entdecken: Da werden «LiteraTüren», Literaturmappen und Wunderkabinette geöffnet. Da wird mit Wonne und viel Kreativität in Abenteuer-, Detektiv- und Freundschaftsgeschichten und Nonsensegedichte eingetaucht und da werden Lebens- und Lieblingsgeschichten, Sachbuchwelten und Wege zum persönlichen Lesefutter erkundet. Ein buntes Stelldichein von Projekten, entwickelt von elf engagierten Frauen, die sich mit ihren attraktiven Vermittlungsangeboten freuen in vielen Bibliotheken aktiv zu werden. Die Angebote sind so konzipiert, dass sie in Dauer und Anzahl bzw. Umsetzung gut anpassbar auf die Verhältnisse und Bedürfnisse der Bibliotheken sind.

Schauen Sie mal rein! Und zögern Sie nicht, die Laborantinnen direkt zu kontaktieren.

Bei Fragen und Anregungen dürfen Sie sich auch an die Projektleiterin Barbara Jakob, 
barbara.jakob@sikjm.ch wenden.

Kontakt

Amt für Jugend und Berufsberatung – Fachstelle Bibliotheken

Adresse

Dörflistrasse 120
8090 Zürich
Route (Google)

Für dieses Thema zuständig: