Die Berufsmatura feiert ihren 50. Geburtstag

Die Berufsmaturität hat sich während eines halben Jahrhunderts zu einem tragenden Pfeiler der Berufsbildung entwickelt. Zeit für einen Rückblick.

Inhaltsverzeichnis

Neues wagen gegen den Fachkräftemangel

Am 21. Oktober 1970 morgens um 8 Uhr wurde an der Kunstgewerbeschule Zürich gefeiert: Die gestalterische Abteilung der Berufsmittelschule (BMS) nahm ihren Betrieb auf. Ihr Leiter, Hansjörg Budliger, brachte drei Argumente, weshalb eine schlichte Feier gerechtfertigt sei: erstens weil im Land der Tradition etwas Neues gewagt werde, zweitens weil das Projekt BMS in nur zweieinhalb Jahren realisiert worden sei und drittens weil 57 Lehrlinge und Lehrtöchter eine anspruchsvolle Aufnahmeprüfung bestanden hätten.

In der gleichen Woche begann im nahe gelegenen Kanzleischulhaus und in den Berufsschulen von Winterthur und Wetzikon der Unterricht an den technischen und allgemeinen BMS-Abteilungen. Insgesamt nutzten gut 400 Lernende das neue Angebot, fast doppelt so viele wie geplant.

Berufsmittelschulen waren Teil einer Bildungsexpansion, die in den 1960er- und 1970er-Jahren auf der ganzen Sekundarstufe II und auf der Tertiärstufe zu beobachten war. Dahinter stand die Sorge um genügend wissenschaftlichen und technischen Nachwuchs. Fachkräftemangel war schon damals ein Thema. Es wurde befürchtet, die Schweiz könnte den Anschluss verlieren, würde sie ihre Begabungsreserven nicht besser ausschöpfen. Zu diesem ökonomischen Motiv kam die Forderung von links, auch Kindern aus unteren sozialen Schichten den Zugang zu höherer Bildung zu ermöglichen. Eine Arbeitsgruppe des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrer regte an, die vermehrte höhere Bildung nicht auf den akademischen Weg zu konzentrieren. Sie schlug einen neuen Schultyp vor, der zwischen Gymnasium und Berufsbildung angesiedelt werden sollte.

Die Idee der Berufsmaturitätsschule war geboren: Starken und motivierten Lernenden sollte an der Berufsschule mehr Allgemeinbildung vermittelt werden. 

 

 

Dr. Silvia Steiner, Bildungsdirektorin

«Die Berufsmaturität ist nicht nur ein Gewinn für die Wirtschaft und ein attraktiver Ausbildungsweg. Für die jungen Menschen ist sie auch ein Karrieresprungbrett, das Zukunftschancen eröffnet, persönliche Befriedigung und sinnstiftendes Tun gewährt. »

Dr. Silvia Steiner, Bildungsdirektorin

Meilensteine

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Im Oktober starten in Wetzikon, Winterthur und Zürich die ersten BMS-Klassen mit 405 Lernenden.

Die schweizerische Bildungslandschaft erlebt eine Neuerung: Die Einführung der Berufsmaturität. Ziel dieser Reform ist die Stärkung der Berufsbildung. Das Berufsmaturitätszeugnis ermöglicht den Übertritt an die Fachhochschulen. Neu ist auch, dass die Berufsmaturität nach der beruflichen Grundbildung nachgeholt werden kann (BM 2).

Ein Teil der höheren Fachschulen aus dem Ingenieurwesen, der Wirtschaft und Verwaltung, der Musik, der bildenden Kunst und der sozialen Arbeit werden zu Fachhochschulen umgewandelt.

Das heutige Berufsbildungsgesetz tritt in Kraft und regelt neu auch die Ausbildung im Gesundheits- und im Sozialwesen. Bereits 2003 startet die gesundheitliche und soziale Richtung der Berufsmaturität.

Eine Ergänzungsprüfung – die sogenannte Passerelle – ermöglicht Inhaberinnen und Inhabern eines Berufsmaturitätszeugnisses den Zugang zu schweizerischen Universitäten und der Eidgenössischen Technischen Hochschule. Mit einem BM-Abschluss kann auch die gymniasiale Matura in einem verkürzten Ausbildungsgang erworben werden.  

Für den Berufsmaturitätsunterricht gilt der neue eidgenössische Rahmenplan. Dieser hat die fünf Ausrichtungen der Berufsmaturität festgelegt. 1. Technik Architektur, Life Sciences, 2. Natur, Landschaft und Lebensmittel, 3. Wirtschaft und Dienstleistungen, 4. Gestaltung und Kunst, 5. Gesundheit und Soziales.

Die Plattform Berufsmaturität-Fachhochschule (BMFH) wird lanciert. Sie schlägt eine Brücke zwischen den Berufsmaturitätsschulen und den Hochschulen und will den Dialog zwischen den beiden Stufen in Gang bringen, inhaltlich verknüpfen und nutzbar machen. Die Austauschplattform BMFH hat sich zum Ziel gesetzt, den Übergang von der Berufsmaturität an die Fachhochschule besser abzustimmen.

Rund 2500 junge Menschen erwerben im Kanton Zürich ein Berufsmaturitätszeugnis. Der Anteil der BM-Zeugnisse an den eidgenössischen Fähigkeitszeugnissen (EFZ) beträgt 24 Prozent. Allerdings konzentrieren sich die Berufsmaturitätsabschlüsse auf vergleichsweise wenig Berufe.  

Wissenswertes

Vorteile:

  • Aus 400 BMS-Schülerinnen und –schülern im Gründungsjahr wurden 700 im Jahr 1990, was zwischen 5 und 7 Prozent aller Lehren entsprach. Im Jahr 2000 lag der Anteil der jungen Erwachsenen, die ein Berufsmaturitätszeugnis erwarben, bei 8,3 Prozent, 2010 bei 13,6 Prozent und 2018 bei 17,1 Prozent.
  • Die Berufsmaturitätsquote stieg in den letzten 15 Jahren ungefähr im Gleichschritt mit der Quote der gymnasialen Maturität. Rund ein Sechstel eines Lehrjahrgangs absolviert heute eine Berufsmaturität und hat damit direkten Zugang zur Fachhochschule.
  • 2018 wurde im Kanton Zürich die Plattform Berufsmaturität-Fachhochschule aus der Taufe gehoben. Die Plattform schlägt eine Brücke zwischen den Berufsmaturitätsschulen und den Hochschulen und strebt so eine weitere Stärkung der Berufsmaturität an.
  • Im Jahr 1972 waren von den BM-Schülerinnen und –schüleren lediglich 14 Prozent weiblich, in der technischen Abteilung sogar nur 5 Prozent.
  • Heute bieten 18 öffentliche und private Schulen im Kanton Zürich Bildungsgänge an, die zu Berufsmaturitäten führen.

 

Kurzbiografien von Absolventinnen und Absolventen

Der Polyvalente

Portrait von François Meienberg
Der gelernte Chemielaborant François Meienberg ahnte schon früh, dass er nicht bis 65 in seinem Beruf arbeiten würde. Die Berufsmaturitätsschule ermöglichte ihm, einen weiten Horizont zu bewahren und Optionen offenzuhalten. Quelle: Stephan Rappo

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«Die BMS ermöglichte es mir, einen weiten Horizont zu bewahren.»

Name: François Meienberg, Alter: 55
Ursprünglicher Beruf: Chemielaborant, Abschluss 1984
Berufsmatura: 1984, technische Richtung

Weiterer Ausbildungsweg: 1987: Abschluss Schauspiel-Akademie Zürich | 2010: CAS Das lernende Team, CAS Organisation als lebendiges System, ZHAW Winterthur | Seit 2018: Ausbildung zum Wanderleiter, Wanderwege Graubünden, Chur

Beruflicher Werdegang: 1987–1993: Schauspieler, Theater in Luzern, Basel, Konstanz, Fernsehen, Film und Radio | 1993–1998: Leiter Verkehrs- und Klimakampagne Greenpeace Schweiz | 1998–1999: Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung (heute: fairunterwegs), Basel | Seit 1999: Autor von Wanderbüchern | 1999–2017: Erklärung von Bern (heute: Public Eye), Leitung des Bereichs Landwirtschaft, Biodiversität und Geistiges Eigentum, 2009–2012 Co-Geschäftsleiter | Seit 2012: Wanderleiter bei per pedes bergferien | Seit 2018: Experte für Saatgutpolitik bei ProSpecieRara und anderen Organisationen
 

Die Hebamme

Andrina Brugger
Andrina Brugger Quelle: Stephan Rappo

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«Wenn man ein klares Ziel hat, fällt einem vieles leichter.»

Name: Andrina Brugger, Alter: 24
Ursprünglicher Beruf: Pharma-Assistentin, Abschluss 2015
Berufsmatura: 2017, Ausrichtung Gesundheit und Soziales

Weiterer Ausbildungsweg: seit 2018: Bachelorstudium Hebamme, ZHAW Gesundheit

 

Der Architekt

Portrait von Romeo Maffeo
In der Berufsmaturitätsschule hat Romeo Maffeo gelernt, unter Druck fokussiert zu arbeiten. Lerntechnik, Multitasking und ein gutes Zeitmanagement kommen ihm noch heute in seinem Arbeitsalltag als Architekt zugute. Quelle: Stephan Rappo

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«In der BMS habe ich ein Netz gefunden, das mir von Beginn an meiner beruflichen Laufbahn bis heute viel gebracht hat.»

Name: Romeo Maffeo, Alter: 39
Ursprünglicher Beruf: Hochbauzeichner, Abschluss 2000
Berufsmatura: Abschluss 2003, technische Richtung

Weiterer Ausbildungsweg: Abschluss 2007: Architekt FH/STV, Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen, ZHAW | 2020 in Ausbildung zum Brandschutzfachmann VKF

Beruflicher Werdegang: 2000–2002: Tätigkeit als Zeichner und Junior Bauleiter | 2006 bis heute: Mitarbeit in der Lehrmittel- und Prüfungskommission der Hochbauzeichner | 2007–2011: Projektleiter bei Althammer Hochuli Architekten | 2011 bis heute: Prüfungsexperte Zeichner/in EFZ, Fachrichtung Architektur | 2012: Gründung Architekturbüros Jaeger Maffeo zusammen mit Marcel Jaeger
 

Die Moderatorin

Potrait von Fabienne Wernly
Die Berufsmaturitätsschule erschien Fabienne Wernly als zu anspruchsvoll, um sie während der Lehre zur Kauffrau EFZ zu machen. Deshalb hat sie diese nach dem Lehrabschluss berufsbegleitend absolviert. Quelle: Stephan Rappo

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«Die Berufsmaturität hat mir die Türen zur Hochschule und zum Radiostudio geöffnet.»

Name: Fabienne Wernly, Alter: 31
Ursprünglicher Beruf: Kauffrau EFZ, Abschluss 2008
Berufsmatura: 2010, kaufmännische Richtung

Weiterer Ausbildungsweg: 2011–2013: Bachelorstudium Kommunikation, ZHAW in Winterthur

Beruflicher Werdegang: 2010: Praktikum beim Jugendsender Planet 105 (heute: 20 Minuten Radio) | 2013–2020: Moderatorin bei Energy Zürich | Seit 2020: selbstständig als Moderatorin, Sprecherin, Coach, Podcast-Produzentin
 

Die Pharma-Assistentin

Portrait von Nazeefa Ijaz Inayat
Nazeefa Ijaz Inayat hätte die Berufsmatura gerne lehrbegleitend gemacht. Heute ist sie froh darüber, dass sie den Bildungsweg erst im Nachhinein gegangen ist, weil sie so auf die Ausrichtung Natur, Landschaft und Lebensmittel aufmerksam wurde, die ihr mehr zu sagt als Gesundheit und Soziales. Quelle: Stephan Rappo

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«Die Atmosphäre an der BMS war sehr angenehm, alle haben einander unterstützt.»

Name: Nazeefa Ijaz Inayat, Alter: 26
Ursprünglicher Beruf: Pharma-Assistentin EFZ, Abschluss 2015
Berufsmatura: 2017, Ausrichtung Natur, Landschaft und Lebensmittel

Weiterer Ausbildungsweg: in Planung: wahrscheinlich ein Studium in Biotechnologie

Beruflicher Werdegang: 2017–2019: Pharma-Assistentin, Limmatplatz Apotheke Zürich | 2019 bis heute: Pharma-Assistentin, Odeon Apotheke Zürich

Der Banker

Portrait von Dario Gallati
Dario Gallati hatte eigentlich nie vor zu studieren. Während der Berufstätigkeit nach der Lehre merkte er jedoch, dass es für gewisse Positionen ein Studium braucht. Deshalb absolvierte er die Vollzeit-Berufsmaturität. Quelle: Stephan Rappo

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«Wir wurden in der BMS sehr gut auf das Studium vorbereitet.»

Name: Dario Gallati, Alter: 25
Ursprünglicher Beruf: Kaufmann EFZ
Berufsmatura: 2017, Ausrichtung Wirtschaft und Dienstleistungen, Typ Wirtschaft

Weiterer Ausbildungsweg: seit 2017: Bachelorstudium Betriebsökonomie, ZHAW School of Management and Law

Beruflicher Werdegang: 2014–2016: Kundenberater ZKB | 2017–2018: Spezialist für Ausbildung und Entwicklung ZKB | 2018–2020: Banken Audit bei BDO | Seit September 2020: Geldwäschereispezialist bei der UBS

Die Umsteigerin

Portrait von Valerie Diem
Valerie Diem hatte prüfungsfreien Zugang zur Berufsmaturitätsschule. Da sie immer gern zur Schule ging, ist es ihr nie schwer gefallen zu lernen und Prüfungen zu schreiben. Quelle: Stephan Rappo

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«Die Anforderungen der BMS hatten genau das richtige Mass für mich

Name: Valerie Diem, Alter: 23
Ursprünglicher Beruf: Informatikerin EFZ, Abschluss 2018
Berufsmatura: 2018, Ausrichtung Technik, Architektur, Life Sciences

Weiterer Ausbildungsweg: in Planung: Masterstudiengang Sekundarstufe I an der Pädagogischen Hochschule Zürich

Beruflicher Werdegang: 2018 bis heute: System Engineer beim IT-Dienstleister UMB

Die Laborantin

Portrait von Jonne Louisa van Dijk
Jonne Louisa van Dijk hat die Aufnahmeprüfung an die Berufsmaturitätsschule und ans Gymi bestanden. Sie hat sich für eine Lehre entschieden, weil sie so auch die Arbeitswelt kennenlernt und nicht nur zur Schule geht. Quelle: Stephan Rappo

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«Viele trauen sich dich BM1 nicht zu, aber man sollte es einfach versuchen.»

Name: Jonne Louisa van Dijk, Alter: 17
Beruf: 3. Lehrjahr Laborantin EFZ, Fachrichtung Chemie, Abschluss 2021
Berufsmatura: Ausrichtung Technik, Architektur, Life Sciences, BM 1 flex, Abschluss 2022

50 Jahre Berufsmaturität

50 Jahre Berufsmaturität
50 Jahre Berufsmaturität
Herausgeber
Kanton Zürich, Bildungsdirektion, Mittelschul- und Berufsbildungsamt
Publikationsdatum
Februar 2021

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Adresse

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8090 Zürich
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