Geschichte & Gegenwart

Religion

Abschied von der Staatsreligion

Egal ob Stadt oder Land: Zürich ist heute tolerant und weltoffen. In der einstigen evangelischen – oder wie es hier heisst reformierten – Hochburg haben längst auch andere Religionen Fuss gefasst. Und doch, vor nicht allzu langer Zeit wäre eine multireligiöse Gesellschaft noch undenkbar gewesen. Vor rund 50 Jahren machte das damalige Zürich den ersten grossen Schritt.

Das Jahr 2013 verbindet Benno Schnüriger mit einem grossen Jubiläum: 50 Jahre öffentlich-rechtliche Anerkennung der römisch-katholischen Körperschaft des Kantons Zürich. Gerade mal 50 Jahre alt ist die staatskirchenrechtliche Institution und damit die Gleichstellung der katholischen Körperschaft mit der jahrhundertealten reformierten Landeskirche. Benno Schnüriger, Verwaltungsjurist, ist der gewählte Präsident des Synodalrats, der Exekutive der römisch-katholischen Körperschaft. Dem weltlichen Teil der Kirche steht also nicht etwa ein Priester vor.

Blättern wir noch ein paar Jahrhunderte zurück, genauer ins Jahr 1518. Ein junger Pfarrer wird ans Zürcher Grossmünster berufen: Ulrich Zwingli. Europa war zu dieser Zeit in Bewegung: Erst ein Jahr zuvor hatte der deutsche Reformator Martin Luther seine berühmten 95 Thesen verfasst.

Zwingli begann in Zürich, als Reformator tätig zu werden. Er übersetzte das Neue Testament aus dem Altgriechischen und gab eine «Zürcher Bibel» heraus. In den 1520er-Jahren setzte er sein Werk fort. Doch die Reformation trieb einen Keil durch die damalige politisch verzettelte Schweiz. Und 1531 kam es zum Krieg zwischen Zürich und den Innerschweizer Orten – nachdem die Zürcher die katholischen Ordensleute von ihrem Hoheitsgebiet vertrieben hatten. Zwingli starb in der Schlacht, doch seine Reformation ging weiter. Zürich nahm den reformierten Glauben als Staatsreligion an und sollte während Jahrhunderten ein protestantisch dominiertes Gebilde sein, in dem Kirche und Staat eng verzahnt sind – bis in die jüngste Zeit.

Der Zwist zwischen katholischen und reformierten Gebieten sollte die Schweiz noch während Jahrhunderten verfolgen. Doch bei aller teilweise offenen Feindschaft vermochten unterschiedliche Glaubensvorstellungen den wirtschaftlichen und politischen Bund der Eidgenossen nicht aus den Fugen zu heben. Auch der verheerende religiös-politisch motivierte Dreissigjährige Krieg, der in Mitteleuropa Millionen von Menschenleben forderte, zog fast spurlos an der Schweiz vorbei. Stattdessen kamen immer wieder protestantische Flüchtlinge aus dem Ausland in die Schweiz und liessen sich in Zürich, Genf oder Basel nieder, wo sie mit ihren Kenntnissen und Fertigkeiten für einen wirtschaftlichen Aufschwung sorgten.

Aber auch Katholiken fanden in den folgenden Jahrhunderten ihren Weg nach Zürich und liessen sich hier nieder. So war Zürich religiös immer etwas durchmischt, lange bevor 1963 die römisch-katholische Körperschaft geschaffen wurde. Erst mit dem neuen Kirchengesetz 2007 erfolgte dann die eigentliche Gleichstellung mit der evangelisch-reformierten Kirche, nachdem Letztere über Jahrhunderte formell als Staatsreligion gegolten hatte.

Zurück zu Benno Schnüriger und seiner Aufgabe: Schnüriger ist der gewählte Präsident des Synodalrats im Kanton Zürich, also so etwas wie der Regierungschef des weltlichen Teils der katholischen Kirche im Kanton. Damit sie – wie die reformierte und die christkatholische Kirche auch – öffentlich-rechtlich anerkannt ist, fordert das Gesetz von ihr demokratische Strukturen und finanzielle Transparenz. «Das ist die Bedingung, die wir für die Anerkennung erfüllen müssen», sagt er und ergänzt: «So wie ich mir das immer gewünscht habe. Kirchen und Staat sind im Kanton Zürich nicht vollständig getrennt, aber sie sind entflochten.» Sie pflegen ein partnerschaftliches Verhältnis und haben sozusagen ein Auge aufeinander.

Früher gab es nur die (reformierte) Landeskirche und die anderen. Heute sind auch die römisch-katholische sowie die christkatholische Kirche öffentlich-rechtlich anerkannt. Und mit dem neuen Kirchengesetz, das seit 2010 in Kraft ist, gehören auch zwei jüdische Gemeinden zu diesem Kreis. Auch sie erfüllen die Bedingungen, die der Staat punkto demokratischen Aufbaus und Transparenz an eine Organisation stellt. Und auch dieser Schritt brauchte Zeit. Zwar pflegen die Zürcher Regierungsmitglieder und auch Politiker in den Gemeinden wertvolle Kontakte zu anderen Religionsgemeinschaften. Ob und wann die staatliche Anerkennung zum Beispiel auch auf muslimische Gemeinschaften ausgedehnt wird, ist derzeit aber ungewiss.